Amtseinführung
Pfr. Peter Sissenich - 24. / 25. Sept. 2005, Elchingen / Ulm
Dass ein
Pfarrer neu in einer Gemeinde anfängt, kommt hin und wieder mal vor; das ist noch kein
Thema für eine Predigt. Aber es kann ein Anlass sein, über ein oder zwei Dinge
nachzudenken, die uns alle betreffen. Dabei möchte ich zwei Bibelworte in den Mittelpunkt
stellen. Das eine steht im Hebräerbrief.:
Wir haben hier
keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13. 14)
Das andere
ist die derzeitige Jahreslosung. Jesus Christus sagt:
Ich habe für
dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Veränderungen
sind ein konstitutiver Teil unseres Lebens. Nicht nur im äußersten Fall, wenn wir einen
Menschen verlieren, der ein wichtiger Teil unseres Lebens war (da ist es am
einschneidendsten, weil unwiderruflich); auch nicht nur, wenn jemand umzieht oder den
Arbeitsplatz wechselt. Sondern eigentlich immer. Nur dass die meisten Veränderun-gen so
allmählich vor sich gehen, dass wir's erst im Rückblick merken - sofern wir uns
überhaupt die Mühe machen, näher hinzuschauen (manchmal tun wir das ja nicht so gern,
und das ist eigentlich schade drum). Veränderungen sind ein Teil des Lebens; ja sogar
lebensnotwendig. Eine kleine Geschichte von Bertolt Brecht erzählt, wie Herr K. einen
alten Bekannten trifft. Der begrüßt ihn freudestrahlend: Sie haben sich überhaupt nicht
verändert! Oh! sagte Herr K.; und erbleichte. Denn wer sich nicht auf Veränderungen
ein-lässt, bleibt stehen. So wie wir das bei manchen Erwachsenen sehen können, deren
Glauben und Denken über den Glauben, anscheinend auf dem Stand ihrer Konfirmanden-zeit
geblieben ist, statt zu wachsen und reifer zu werden. Es gibt Veränderungen, die wir uns
wünschen, auf die wir hinarbeiten (und dann vielleicht staunen, wenn sie tatsächlich
kommen) - und solche, die wir überhaupt nicht wollen, die wir aber trotzdem kriegen und
lernen müssen, damit irgendwie umzugehen. Das kann unglaublich hart sein; in den
Kli-niken von Bad Wildbad ist mir das in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Die
Frage ist dann, ob wir das bewusst tun, d.h. ob wir das wagen, und wo wir die Kraft dafür
finden.
In den
letzten Jahren war ich in der Nähe von Calw, dem Geburtsort des Dichters Her-mann Hesse.
In seinem Gedicht Stufen heißt es: Nur wer bereit zu Aufbruch ist und
Reise / mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Aufbruch, denn: Veränderungen
haben immer auch mit Loslassen zu tun; wenn wir unbedingt festhalten wollen, das lähmt.
Angefangen bei äußerlichen Dingen, etwa den
vielen Sachen, mit denen wir uns so gern umgeben. Wer schon mal umgezogen ist, wird
wissen, wie schwer es sein kann, sich zu entscheiden: Was von alledem, was bisher zu
meinem Leben dazugehört hat, soll eigent-lich mit; und wovon kann sollte - will
ich mich trennen? Mir ist es mit einigen Sachen so gegangen, bis mir klar wurde:
Eigentlich liegt mir gar nicht so viel daran; ich bin sie bloß seit Jahren gewöhnt, das
ist alles. Also! Ich denke, dass dies ein ganz brauchbares Bild ist: Wir alle haben, im
übertragenen Sinn, unser Lebensmobiliar, in dem wir uns eingerich-tet haben. Und es kann
ausgesprochen gut tun, hin und wieder inne zu halten und sozu-sagen Inventur zu machen:
Was möchte ich bewahren und weiterentwickeln; und was kann ich zur Seite legen? Das
Loslassen kann schwerfallen, natürlich, wer von uns wüsste das nicht. Es kann aber auch
befreien! Ich denke da an die Geschichte von Abraham und Sara, die uns im 1. Buch Mose
erzählt wird. Zu denen Gott gesagt hatte: Verlasst
alles, was euch vertraut ist, und macht euch auf in ein neues Land. Ich werde euch den Weg
zeigen; ich will euch segnen, und ihr sollt ein Segen sein. Das Faszinierende an
dieser Geschichte ist: Die haben das getan! Nicht nur davon geträumt: Irgendwas mach ich
mal, irgendwann ... Und das wurde ein sehr langer Weg, der keineswegs immer nur von
blü-henden Blumen gesäumt war. Sondern da gab es ganz dunkle Nächte des tiefsten
Zwei-fels; es gab Umwege; es gab auch regelrechte Irrwege. Aber am Ende haben sie
gese-hen: Es war ein guter Weg, an der Hand Gottes und unter seinem Segen. Ist das nicht
tröstlich, auch für unsereins? Die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, die sich
ge-
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traut haben
(weil Gott uns das zutraut, und ER muss es schließlich wissen!) ihr Leben innen wie
außen gewissermaßen zu entrümpeln und einen neuen Schritt zu wagen, im
Vertrauen auf
Gottes verlässliches Geleit. Und diese Geschichten wollen uns dazu ver-locken, ähnliche
Spuren auf dem eigenen Weg zu entdecken (auch dann, wenn wir nicht woanders hingehen): Im
Aufschauen zu Jesus, dem Begründer und Vollender des Glaubens.
Denn zum
Loslassen gehört auch: Wahrnehmen und Annehmen, was gewesen ist. Das kann schwer sein,
wir alle werden das wissen; das kann auch richtig wehtun. Aber es ist notwendig! Denn was
wir nicht loslassen können, das lässt uns nicht los, es hält uns gefangen (und meistens
merken wir das nicht einmal). Wahrnehmen und sich stellen auch den eigenen Anteilen
an dem, was war, mit den helleren Seiten wie auch den dunk-leren: Denen, die wir nicht so
gern anschauen. Aber Jesus, der unvergleichliche Seel-sorger, weiß das; und er sagt uns:
Gott streckt dir seine Hand entgegen, an jedem Tag neu. Ihm kannst du alles sagen,
wirklich alles! Halte dich an IHN, der dich erforscht und kennt, besser als du selber; und
der Ja zu uns sagt. Trotz allem, was dagegen spricht (und das kann viel sein). Im
Vertrauen darauf können wir neu anfangen. Jeden Tag! Denn wir können uns darauf
verlassen, dass wir für IHN unendlich wichtig sind. Heute und hier. Jetzt und für immer.
Deshalb
heißt es im Hebr.: Wir haben hier keine bleibende
Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Wir haben nur dieses eine Leben, und jeder
Tag davon ist ein einmaliges Ge-schenk, Gabe Gottes und Aufgabe zugleich - aber in allem
gehen wir auf IHN zu, der am Ende aller Zeiten alles in allem sein wird. Diese Hoffnung,
diese Erwartung trägt uns, hält uns lebendig, schenkt einen weiten Horizont, über
dieses Leben hinaus. Hier ist die Quel-le der Kraft für die täglichen kleinen neuen
Anfänge. Allerdings: diese Hoffnung kann mü-de werden, wie wir alle wissen; sie kann uns
sogar völlig abhanden kommen: Wenn wir nicht mehr über das hinaus sehen, was trotz guten
Willens misslungen ist; was uns ge-kränkt hat, vielleicht tief verletzt; wo wir merken,
dass wir andere enttäuscht haben, schul-dig geworden sind; wo Veränderungen über uns
kommen, mit denen wir nicht fertig wer-den. Das kann einengen, sogar richtig lähmen
vor allem, wenn es unausgesprochen bleibt. Da ist es gut, eine Perspektive zu
haben, die in den Worten Jesu so ausgedrückt wird: Ich
habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Das hat er ja ursprüng-lich
zu einem seiner Leute gesagt, der keineswegs so perfekt war, wie wir es gern erwar-ten
(von uns selber, und von anderen erst recht). Aber ER, der unvergleichliche Seelsor-ger
weiß das. Er kennt die helleren und auch die dunkleren Seiten; und gerade deshalb: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht
aufhöre. Der Glaube, der immer wieder einen Hauch von der Freiheit der Kinder Gottes
einatmen, spüren kann; der weiß, dass wir darum bitten dürfen. Weil ER am eigenen Leib
erfahren hat, wie das Leben sein kann: So unglaublich schön; und so unglaublich bitter! -
und der in allem an unserer Seite ist. Da, wo wir neu beginnen wollen - in dem, was sich
verändert, ob wir wollen oder nicht - und in dem, was wir bewahren möchten, wachsen und
reifen lassen. Bis zu dem Tag, da Gott alles in allem sein wird. IHM sei Lob und Dank in
Ewigkeit!
Amen.