Entstehung der ehemaligen Paul-Gerhardt-Gemeinde
Taufstein der Paul-Gerhardt-Kirche
von
Helmuth Uhrig
inzwischen im evangelischen Kloster Kirchberg
bei Sulz am Necker
"Richt unsere Herzen,
Dass wir ja nicht scherzen
Mit deinen Strafen,
Sondern fromm zu werden
Vor deiner Zukunft
Uns bemühn auf Erden,
Lobet den Herren!"
Evangelisches Gesangbuch, Nr. 447,
Strophe 8
aus: "Lobe den Herren", von Paul
Gerhardt, 1653
Der Stadtteil, in dessen Bereich die Paul-Gerhardt Kirche erbaut wurde, heißt Kuhberg.
Der Name weist darauf hin, dass die Hänge früher einmal Weideland gewesen sind. Die
bauliche Erschließung dieses Gebietes bildet einen Abschnitt in der Gesamtentwicklung der
Ulmer Weststadt. Zeitlich liegt der Beginn wohl im Jahre 1907, geographisch in der
heutigen Saarlandstraße, Starengasse, Ziegelgasse, woselbst damals von der Stadt Ulm eine
großzügige Arbeitersiedlung in Form von Einfamilienhäusern erstellt wurde. Diese
umfasste bis zum Jahre 1914 bereits 126 Einfamilienhäuser und wurde nach dem ersten
Weltkrieg um weitere Ein- und Mehrfamilienhäuser erweitert. Diese Siedlung erregte damals
großes Interesse über die Grenzen des Landes hinaus und war für den damaligen
Arbeitersiedlungsbau richtunggebend.
Ab 1926 und dann wieder im Dritten Reich sind weitere größere Bauabschnitte in diesem
Stadtteil zu verzeichnen. Die furchtbare Zerstörung
Ulms im zweiten Weltkrieg hatte zur Folge, dass viele ausgebombte Ulmer
Familien sich in der nur wenig zerstörten Weststadt ansiedelten.
Vor allem aber wurde durch den großen Zustrom an Flüchtlingen aus dem Osten die
Erstellung neuer, großer Wohnblocks notwendig. So hat die Fa. Magirus im Neunkirchenweg
für ihre Mitarbeiter gebaut. Auch die Stadt sorgte in diesem Gebiet für neue Wohnungen.
Ein großes Wohngebiet entstand südlich des Grimmelfinger Weges.
Die im Jahre 1928 eingeweihte Martin-Luther-Kirche war bis zum 31. Dezember 1956 der
einzige Gottesdienstraum auf evangelischer Seite im Bereich der Weststadt. Bedingt durch
das rasche Wachstum des Stadtteiles wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bald deutlich, dass
die Gemeinde von zwei Pfarrern nicht mehr betreut werden kann. Schon im Jahr 1949 wird an
die Einrichtung einer dritten Pfarrstelle an der Martin-Luther-Kirche gedacht.
In jener Zeit beginnt unter der Leitung des jeweiligen Vikars der
Martin-Luther-Gemeinde eine eigene
Bibelstunde und ein kleiner Kindergottesdienst, zunächst noch in einem Raum der
Kuhbergkaserne, später in einem Klassenzimmer der Jörg-Syrlin-Schule. Pfarrverweser
Samuel Büttner wurde mit dem Aufbau der Gemeinde beauftragt und übernahm am 29.11.1954 die neugeschaffene Pfarrstelle.
In dieser Zeit wuchs der innere Aufbau der Gemeinde. Das Herzstück dieses Aufbaues
war die Bibelstunde, zu der sich immer zahlreichere Besucher einfanden. Hier wurde
deutlich, dass Gemeinde nicht nur durch Beschlüsse und nicht nur mit Gebäuden aufgebaut
wird, sondern dass diess allein aus dem Wort der Heiligen Schrift und durch Gottes Geist geschieht. Auch der Kindergottesdienst wurde mehr und mehr ein Zentrum. 1954 hatte
das Vikariat der Martin-Luther-Kirche (die spätere Paul-Gerhardt-Gemeinde) ihre erste eigene Konfirmation in der Martin-Luther-Kirche und somit auch schon
einen eigenen Konfirmandenunterricht, welcher in der Albrecht-Berblinger-Schule stattfand.
Am Sonntag Estomihi, 3. März 1957, zog die Gemeinde in ihr neu errichtetes Gotteshaus ein. In
Kirche, Gemeindesaal und Kindergarten entfaltete sich ein reges Leben. Der große
Helferkreis wurde weiter ausgebaut.
Pfarrer Büttner übernahm am 1. April 1961 einen Lehrauftrag als Studienrat für den
Religionsunterricht in Künzelsau. Die Investitur des Nachfolgers Max Dannenberg am 24.
September 1961 war ein Festtag für die Gemeinde. Zu den bisherigen Aktivitäten kamen
neue hinzu. Die Gemeinde übernahm die Betreuung des Übergangswohnheimes in der Römerstraße und der
Notunterkünfte im Fort "Unterer Kuhberg" Ein nicht endender Strom
hilfsbedürftiger Menschen - Umsiedler,
Vertriebene, ausländischer Flüchtlinge und in Not Geratene - werden regelmäßig besucht
und in vielfältiger Weise unterstützt.
Besonderer Einsatz galt und gilt den jüngeren und älteren Gemeindegliedern. Die Gemeinde
baute einen Jugendraum, der sich bald mit Leben füllte. Die Älteren bekamen einen
behaglichen Klubraum, in dem man sich an drei Nachmittagen in der Woche trifft Außerdem
sind seit etwa 15 Jahren Altennachmittage und Ausflugsfahrten beliebte Veranstaltungen
geworden. Regen Anklang findet die Altengymnastik.
Große Anziehung übte auf Gemeindeglieder jeden Alters eine gut ausgestattete
Gemeindebücherei mit über 4.000 Büchern aus. Eine Büchereiassistentin und freiwillige
Helfer verwalten die Bücherei und beraten die vielen Besucher. Da die Bücherei auch
durch öffentliche Mittel gefördert wurde, war sie für alle Bürger offen.
Gute Nachbarschaft wurde mit der nahen katholischen Heilig-Geist-Gemeinde
gepflegt. Gemeinsame
Gebetsstunden, Gottesdienste, Seminare und Feste waren der Ausdruck gleicher Sorgen und
gleicher Hoffnung.
Auch zur Erwachsenenbildung leistete die Gemeinde ihren Beitrag. Seminarreihen
über Krankenpflege und Erziehungsfragen fanden regen Zuspruch. Praktische
Anregungen boten
Bastel- und Nähkreise.
Über all diese vielfältigen Einrichtungen und Veranstaltungen hinaus aber riefen
zwischen 1957 und 2007 Sonntag für Sonntag die Glocken zum Gottesdienst
2001 erfolgte unter Pfarrer Andreas Kernen
die Gemeindefusion mit der Martin-Luther-Gemeinde. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde
verlor ihren Namen ebenso wie die Martin-Luther-Gemeinde: beide Gemeinden
bildeten ab 2001 die "Martin-Luther-Paul-Gerhardt-Gemeinde", seit 2003 die
"Reformationskirchengemeinde". Deren geschäftsführender Pfarrer ist seit 2004 der
letzte Pfarrer der Paul-Gerhardt-Kirche, Pfarrer Volker Bleil.
Am 15. Juli 2007 wurde diese Kirche durch Prälatin
Gabriele Wulz entwidmet. Zum Advent 2007 zogen Bagger auf und entfernten die
Kirche. Am 22. Januar 2008 fiel als letztes Gebäudeteil der stattliche Kirchturm.
Das Pfarramt der Paul-Gerhardt-Kirche wurde 2007 in ein Pfarramt der
Martin-Luther-Kirche umbenannt. Die verbliebenen 1.300 Gemeindeglieder der
Paul-Gerhardt-Kirche werden durch den Pfarrer des Pfarramtes der
Martin-Luther-Kirche West seelsorgerlich betreut. Ein "Kirchenbusle" fährt zu
allen Gottesdiensten am Sonntagmorgen die Gemeindeglieder in die
Martin-Luther-Kirche und wieder zurück.
Die klangschöne Link-Orgel, von Helmut Bornefeld disponiert, wurde von Orgelbaumeister Gerhard Lenter fachmännisch ausgebaut. Sie wird voraussichtlich 2011 in einer katholischen Kirche von Stuttgart wieder neu erklingen. Die vier Glocken der Paul-Gerhardt-Kirche wurden an die katholische Kirchengemeinde von Marbach am Neckar verkauft. Auf dem Platz, an dem das alte Pfarrhaus, der Kindergarten und die Kirche der Paul-Gerhardt-Gemeinde standen, werden ab 2008 Wohnungen errichtet.
In einer kupfernen Kassette im Grundstein der Paul-Gerhardt-Kirche wurden Ende Januar 2008 nahezu unversehrt viele Gegenstände geborgen, die die Gründungsmütter und -väter der Nachwelt hinterließen.
Nach vorsichtiger Öffnung kamen zum Vorschein: Tageszeitungen und Gemeindeblätter von 1955, Baupläne und Gründungsurkunde der Paul-Gerhardt-Kirche, eine Bibel und ein Gesangbuch, sowie ein erstaunlich gut erhaltener kleiner Brotlaib und eine zierliche Glaskaraffe mit Abendmahlswein (der sich allerdings verflüchtigt hat). Die Inhaltsstücke können an den nächsten Sonntagen im Anschluss an den Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche besichtigt werden.