"Zerreisst den Mantel der
Gleichgültigkeit,
den Ihr um Euer Herz gelegt!
Entscheidet Euch,
ehe
es zu spät ist!"
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Die Orgel: ein Ort des Widerstandes und der Freiheit
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Nachts brachte Sophie Scholl die hochverräterische Fracht per Zug von München nach Ulm. Die vereinbarte Übergabe am Bahnhof scheiterte, doch eine Stunde später stand sie mit dem schweren Rucksack vor dem Pfarrhaus Hirzel in der Schillerstraße. Dort nahm Hans Hirzel, 18jähriger Pfarrersohn und Abiturient, die über 2000 „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland“ in Empfang. Wie seine Schwester Suse war er eng befreundet mit den Scholls; und in der Abscheu über das verbrecherische Regime und der Verwurzelung im christlichen Glauben mit ihnen verbunden.
Dieses fünfte Flugblatt der „Weißen Rose“ wurde von Hans Scholl unmittelbar unter dem Eindruck der Stalingrad-Niederlage entworfen und übertraf an Schärfe alle vorigen. Suse Hirzel berichtet von ihren Gefühlen beim ersten Lesen, einige Tage später, in Stuttgart: „Ich war hingerissen, völlig außer mir: Die sind wahnsinnig, alle werden geschnappt werden, wir sind tot, tot! Aber das Flugblatt ist großartig.“ Ihr Part war es, die bereits kuvertierten Flugblätter in einer Nachtaktion in möglichst viele öffentliche Briefkästen einzuwerfen.
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Bild: Susanne
Zeller-Hirzel war im Sommer 2008 und im Frühjahr 2010 |
Für ihren Bruder in Ulm kam es aber zuerst darauf an, jemand zu finden, der ihm half, die Masse von Flugblättern zu verarbeiten. Und er brauchte ein Versteck, in dem das geschehen konnte. Hans Hirzel war hochmusikalisch, wie die ganze Pfarrfamilie. Mit Freuden spielte er regelmäßig auf der großen Walcker-Orgel der Martin-Luther-Kirche. Dadurch hatte er einen Schlüssel zur Orgelempore: sein Ort der Freiheit! Ein Zufluchtsort mit Verdunklungsvorhängen, bei dem man vor Überraschungen sicher war.
Der Schulfreund Franz Josef Müller machte mit, besorgte große Mengen an Briefmarken und Umschlägen, was in Kriegszeiten kein einfaches Unterfangen war. Und dann wurde nächtelang in der Martin-Luther-Kirche kuvertiert; alle Briefe mussten mühsam per Schreibmaschine mit Namen aus Adressbüchern beschriftet werden. Letzteres geschah an einem kleinen Holztisch in (!) der Pfeifenkammer, der noch heute dort steht. Zwischendurch wurde Orgel gespielt, zur Tarnung, aber mehr noch zur Entspannung und Erhebung. So, wie ein Jahr zuvor Sophie Scholl während ihrer stumpfsinnigen Arbeitsdienstzeit in Krauchenwies von der geistigen Freiheit des Kirchenraumes und des Orgelspielens zehrte. Sie schreibt an eine Freundin: „Das ist eine …Feststunde für mich…, besonders, da es ein solch wunderbarer Gegensatz zu dem ganzen anderen Treiben ist. Wie schön ist es, so allein in der Kirche (allmählich lerne ich sie verstehen) zu spielen und zu singen.“
Vom Orgelversteck aus fand der „Aufruf an alle Deutschen“ zur Trennung vom Verbrechertum der Nazis dann seinen Weg in viele Stuttgarter, auch Ulmer und Heilbronner Häuser. Pfarrer Ernst Hirzel und seine Frau wussten zu keinem Zeitpunkt etwas von der Widerstandstätigkeit ihrer Kinder, bis zu deren Verhaftung. Sie zogen es auch nach dem Krieg vor, davon zu schweigen. Selbst das "Goldene Buch" der Gemeinde verliert kein Wort über diese bewegende Phase. Hans Hirzel , Suse Hirzel und Franz Müller hatten Glück: beim zweiten „Weiße Rose“ Prozess standen auch sie vor dem unsäglich aggressiven und brutalen Richter Dr. Roland Freisler in München, kamen aber mit Gefängnisstrafen davon.
Die 1921 geborene Susanne Zeller-Hirzel war nach dem Krieg Musiklehrerin und Autorin einer weit verbreiteten Cello-Schule. Ihre Jugenderinnerungen hat sie in einem Buch niedergelegt. Sie lebt heute in Stuttgart und hat auch in der Martin-Luther-Kirche 2008 als Zeitzeugin sehr anschaulich berichtet. Die gesamte Familie engagiert sich stark für die 250.000 Euro teure Renovierung der Orgel. Hans Hirzel, ihr jüngerer Bruder, verstarb im Sommer 2006 in Wiesbaden.
Das Pfarrhaus Hirzel an der Schillerstraße fiel 1944 Bomben, die dem Hauptbahnhof galten, zum Opfer und brannte vollständig ab; Pfarrer Hirzel wechselte mit seiner Familie 1945 nach Sindelfingen an die Martinskirche.
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden am 22. Februar 1943 in München vom eigens einberufenen Volksgerichtshof verurteilt und am gleichen Tag mit der Guillotine enthauptet.
Volker Bleil und Andreas Wiedenmann
März 2009
Bilder vom Besuch, den Suse Hirzel am 27. März 2010 der Martin-Luther-Kirche abgestattet hat, anlässlich der Einweihung der Erinnerunsstätte.
Aufmerksame Jugendliche und Erwachsene sammelten sich im März 2010 auf der Orgelempore der Martin-Luther-Kirche um Suse Hirzel.
Pfarrer Volker Bleil tauscht sich mit Suse Hirzel kurz vorher noch aus.
Die erste Veranstaltung auf der neu gestalteten Orgelempore; auch andere Zeitzeugen von 1943 hatten sich eingefunden.
Ihr Stimme ist übrigens inzwischen vom Tonband zu hören, das im Treppenhaus zur Orgel auf Knopfdruck hin aktiviert werden kann.
Zitat aus dem fünften Flugblatt, das in der Martin-Luther-Kirche 1943 versandbereit gemacht wurde:
"Zerreisst den Mantel der
Gleichgültigkeit,
den Ihr um Euer Herz gelegt!
Entscheidet Euch,
ehe
es zu spät ist!"
v Literatur:
Susanne Hirzel: Vom Ja zum Nein. Eine schwäbische Jugend 1933-1945, Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 1999. 262 Seiten, mit Abbildungen.
v Film:
"Die Widerständigen - Zeugen der Weißen Rose" -Dokumentarfilm von Katrin Seybold, Deutschland 2008, FSK: Ohne Altersbeschränkung - 92 Minuten, Kinostart: Januar 2009
In diesem dokumentarischen Film, der schon in Teilen im Jahre 2000 gedreht wurde, werden folgende beide Statements - mit Blick auf die historische Martin-Luther-Kirche - wiedergegeben:
Hans Hirzel:
"Und wir haben zu einem mindestens wesentlichen
Teil das Beschriften der Flugblätter an einem Ort gemacht, der dafür geeignet
war. Das war die Empore der Orgel der Martin-Luther-Kirche, in der mein Vater
Pfarrer war."
Franz Josef Müller: "Und
da hinter der Orgel hatte er dann ein kleines Licht eingerichtet, da war eine
Schreibmaschine. Das konnte man nicht ohne Weiteres entdecken, und es fiel
überhaupt nicht auf, wenn wir in diese Martin-Luther-Kirche gingen. Kann auch
sein, ich erinner' mich nicht mehr, dass der Hans Hirzel hier und da 'Ein feste
Burg ist unser Gott' zuerst gespielt hat. [...] Ich wusste nur: Das ist das Todesurteil, wenn wir da einsteigen. Das war klar. Das
war ganz klar, dass wir dem nicht lebend entkämen, wenn's aufkommt, dass wir da
drin sind. Und zu gleicher Zeit war es das tiefe Durchatmen. Endlich eine
öffentliche Stimme, die die Wahrheit sagt!"
Stand: 17.04.2010/aw